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Faszination Bibel – zur Ausstellung “Bilder zur Bibel”

Als Künstler, Theologe und gläubiger Christ haben Helmut Kissel zeit seines Lebens biblische Stoffe und die spirituelle Aussagekraft der Bibel fasziniert, deren Aktualität nach zweitausend Jahren in keiner Weise abgenommen hat. Bis zum Kriegseintritt als 15-jähriger von seinen Eltern konsequent atheistisch erzogen, war dies in keiner Weise vorgezeichnet. Doch was mit einem ersten Gebet im Mai 1945 („Gott, wenn es dich gibt, dann lass mich zu meinem Geburtstag zuhause sein“) seinen Anfang nahm, entwickelte bald darauf eine berufliche und künstlerische Dynamik mit sehenswerten Ergebnissen.

Und so durchzieht das gesamte künstlerische Lebenswerk Kissels die expressionistische Auseinandersetzung mit den (Lebens-)Themen aus dem ‘Buch der Bücher‘. Häufig stellt er sie in den Spiegel zeitgeschichtlicher Entwicklungen und schafft so überraschende Blickwinkel: Da zieht Jesus auf dem Esel durchaus einmal durch das klassizistische Stadttor einer bekannten deutschen Großstadt ein. Oder das vom Volk Israel angebetete Goldene Kalb mutiert zum Stier der Deutschen Börse und thront auf den Bankentürmen der Finanzmetropole Frankfurt. Und in einem anderen Werk aus dem Jahr 1987 nehmen die aus der Bibel bekannten Posaunenbläser von Jericho den Fall der Berliner Mauer vorweg.

Ausstellungsplakat zu “Bilder zur Bibel”, 2019

Wie tiefgehend sich die künstlerisch-theologische Auseinandersetzung mit biblischen Inhalten bei Kissel vollzieht, belegen eindrucksvoll drei große Bilderreihen des Künstlers. Angefangen mit dem insgesamt 30 Werke umfassenden Schöpfungszyklus aus den Jahren 1996-97, bei dem sich der Künstler zumeist gegenständlich, mitunter jedoch auch abstrakt experimentierend mit der Entstehung der Welt auseinandersetzt. Schließlich folgen in den Jahren 2001 und 2002 der „Ich bin“-Zyklus mit zehn Arbeiten sowie der 25 Motive umspannende Dekalog-Zyklus, der die Zehn Gebote – oder wie Kissel sie bezeichnet – die “Zehn Angebote” thematisiert.

Ausstellung im Kreuzgang Kloster Benediktbeuern
Kreuzgang mit Werken von Helmut Kissel

Augenscheinlich bei der Betrachtung: Kissels Werke wollen nicht gefallen, sie legen Zeugnis ab. Von Gottes Größe und seiner Geschichte mit dem Menschen, von menschlichen Grenzen und Grenzüberschreitungen, von Selbsterlebtem und gläubigem Staunen. Das Gefällige, das vermeintlich „Schöne“ und „Beschauliche“ weicht vielmehr einer künstlerischen Ästhetik, die sich mit ungemein kraftvollem, expressiv übersteigertem Farbausdruck geradezu Bahn bricht und mit der inhaltlichen Aussage klar Position bezieht oder diese herausfordert. So ist beispielsweise Gottes rettende Hand immer wieder als die eines (Werk)-Tätigen dargestellt und weist neben kräftigen Sehnen die Spuren rettenden Eingreifens auf. Immer wieder sind es solche starken Eindrücke, die in den Bann nehmen durch ihre leuchtende Farbintensität. Häufig ist es die pure Farbkraft, die aus seinen Werken zu den Betrachtenden spricht und bezeugt, wie der Künstler die biblische Darstellung vom Eingreifen Gottes in die Situation des Menschen, in das Weltgeschehen oder in die Entwicklung des Planeten versteht und bildnerisch umsetzt. Die stilistische Einordnung erscheint ihm dabei nebensächlich, gleichwohl sind Anklänge an die klassische Moderne unverkennbar.

Letztlich ließe sich als Quintessenz festhalten: Kissel begreift die Bibel als Buch des Lebens und Gott als Handelnden. Seine Motive geben den Blickwinkel des gläubig Staunenden wieder und lassen ihn über die Intensität der künstlerischen Aussage zum deutlich vernehmbaren Bildzeugen werden, für den Gott real ist und ins Leben eingreift. So wundert es nicht, dass ein spätes Motiv den historisch verbürgten Trompeter am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer zeigt, wie er einen Choral Paul Gerhardts anstößt, der als Leitmotiv von Kissels Leben nach unerwarteter Erhörung seines rasch wieder vergessenen Gebets gesehen werden könnte: „Nun danket alle Gott – mit Herzen, Mund und Händen!“.

Text: Markus Kissel

Rollup zur Ausstellung
Rollup zur Ausstellung “Bilder zur Bibel”